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Jens vom Systemkamera-Forum macht sich über die kommenden technischen Entwicklungen im Systemkamerabereich Gedanken und ist sehr skeptisch hinsichtlich des Nutzens der App-unterstützten Betriebssysteme für zukünftige Systenkameras.

Ein Zukunftsszenario

Wir schreiben den 17. August 2018. Meine Kamera hat mich geweckt. Vielleicht sollte ich sie erst einmal vorstellen. Sie heißt Panolysamson 3000D, hat einen 48 MP Hyper-Extreme-CMOS-Sensor, WLAN, Bluetooth, LTE, GPS, 32Gbyte Hauptspeicher und 1024 Gbyte fest eingebauten SSD-Datenspeicher. Ach ja, Fotos kann sie auch machen; das verspricht zumindest der Hersteller.

Ich habe sie mir gestern gekauft. Für schlappe 800 Euromark. Wie gesagt, ich hätte sie nicht im Schlafzimmer liegen lassen sollen. Jetzt hat sie mich geweckt. Sie piept laut und nervtötend. Keine Ahnung, was sie hat. Ich nehme sie in die Hand. Ah ja: Updates für 2 meiner Apps und ein Betriebssystem-Update sind verfügbar. Aber warum nervt sie deshalb laut rum? Kann man das auch abstellen? Bei der Bestätigung des Downloads der neuesten Software aus dem Internet macht mich die Kamera, nachdem ich 2 Minuten durch die aktuellen Lizenzbedingungen gescrollt habe, von denen ich mal wieder nichts verstehe, darauf aufmerksam, dass mindestens eines der App-Updates lebenswichtig für meine Zukunft als Fotograf ist, weil ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem vorliegt. Aber dazu später mehr.

Nach dem Update der Apps auf meiner Kamera bootet das Schnuckelchen neu. Das dauert ungefähr zwei Minuten. Neben der Beseitigung des aktuellen Sicherheitsproblems erfahre ich beim „Hochfahren“ der Kamera, dass ich jetzt über 200 neue Funktionen habe, aufgeteilt auf 25 neue „Apps“. Na super, denke ich mir. Ich kenne die bisherigen 600 Funktionen ja noch gar nicht, die in der Anzeige zu der Kamera beworben wurden. Egal. Mit der Kamera im Rucksack mache ich mich wenig später auf den Weg, um mich mit meinen Fotofreunden Jürgen und Peter zu treffen. Wir machen regelmäßig Touren und fotografieren Menschen und Situationen in der Stadt. Heute möchte ich das mit meiner neuen Panolysamson 3000D machen.

Peter, seines Zeichens ein alter Nostalgiker, fotografiert mit seiner alten Leica aus den 90er Jahren immer noch analog. Alles Zetern, Lachen und Sich-lustig-machen hat im Laufe der Jahre nichts gebracht. Er trennt sich von seinem alten Schätzchen nicht. Jedes Wochenende baut er sein Badezimmer zur Dunkelkammer um und entwickelt und vergrößert seine Schwarz-Weiß-Fotos immer noch selbst. Jürgen hingegen fotografiert jetzt schon seit 6 Jahren mit der gleichen DSLR, und er ist der Meinung, das seine 36 Megapixel weiterhin ausreichen. Nun ja, ich bin der Technikgeek in unserer kleinen Fototruppe, und ich muss immer das Neueste haben.

Während wir so durch die Fußgänger-Zone schlendern, tauchen die ersten interessanten Motive auf. Unauffällig tragen wir unsere Kameras in der Hand, um sie bei passender Gelegenheit sofort schussbereit ans Auge zu nehmen. Eigentlich ist das, was wir fast jede Woche machen, mittlerweile illegal. Vor ein paar Jahren wurden die bundesdeutschen Gesetze dahingehend geändert, dass man keine fremden Menschen mehr fotografieren darf. Das ist schon lustig, weil die gesamte Innenstadt mittlerweile mit Videokameras bestückt ist und fast alles aufgezeichnet wird. Wir wissen natürlich, wo die Kameras hängen und vermeiden, dass wir bei unserem illegalen Treiben erfasst werden.

Peter und Jürgen haben schon die ersten Aufnahmen im Kasten, während ich immer noch versuche, das regelmäßige Piepsen meiner Kamera abzuschalten. Immer, wenn wir alle paar Meter in neue WLAN-Netze kommen, meint meine  Kamera, mich darauf aufmerksam machen zu müssen. Das nervt ungemein, aber die WLAN-Funktion lässt sich generell nicht deaktivieren. Das ist ärgerlich. Hat die Kamera keine WLAN-Verbindung, so baut sie automatisch eine Verbindung in das LTE-Netz meines Telefonproviders auf. Immerhin kostet mich das nichts extra, da ich eine Multi-SIM-Karte habe, die ich zusammen mit meinem iPhone 11 benutze.

Meine große Foto-Chance

Gerade entdecke ich einen Mann, der sein Eis schleckt, während ihm die ganze geschmolzene Brühe auf sein Hemd tropft. Er sitzt im Schatten einer schönen alten Kirche, die aber schon seit langem als Musiktheater genutzt wird. Schnell zücke ich meine Kamera und will ein Foto machen.

Ha! Mist! Was ist das denn jetzt? Ein großes Fenster erscheint im Display meiner Kamera und macht mich gerade darauf aufmerksam, dass ich dabei bin, ein historisches Gebäude zu fotografieren. Ich werde gefragt, ob ich weitere Infos zur Geschichte der Kirche einblenden lassen möchte, die ich gerade mit dem Sucher erfasse. Naja, eigentlich wollte ich ja den Mann fotografieren. Aber zu spät, er hat sein Dilemma schon selbst festgestellt und reibt sich gerade sein Hemd sauber. Das Motiv ist jedenfalls flöten gegangen. Aber egal. Ich scrolle gerade durch die Informationen auf meinem Kamera-Display, während Jürgen dem analogen Peter seine Aufnahmen von dem „Eis-Menschen“ zeigt. In dem Moment, als ich frustriert meine Kamera ausschalten will, zeigt sie an, in welche Richtung ich gehen soll, um die beste Fotoperspektive für die Kirche zu finden. Gleichzeitig fragt sie mich, ob sie die restlichen Parameter wie Blende, Brennweite und Zeit automatisch und in Abstimmung mit den aktuellen Geo-Wetterdaten einstellen soll. Na, das ist ja praktisch. Ich werde den beiden schon zeigen, dass ich mit meiner neuen Kamera auch schöne Motive knipsen kann.

Am Zielpunkt meines kleinen Kamera-Routings angekommen, blendet mir meine Kamera die Umrisse der Kirche ein, die ich mit dem Original auf dem Display in Deckung bringen muss, damit die Kamera dann automatisch auslöst. Peter und Jürgen, die mir hinterher getrabt sind, frotzeln gerade darüber, dass das neue Mitbewerber-Kameramodell außerdem den Download der richtigen Fotos aus dem Netz zur Verfügung stellt, wenn das Wetter gerade mal zu schlecht für eine Aufnahme mit blauem Himmel ist. Das ist natürlich totaler Quatsch, schließlich möchte ich ja selbst fotografieren.

So vergeht der Nachmittag und ich bekomme auch die ein oder andere Aufnahme in meine Kiste. Es ist schon erstaunlich: Fast unsere gesamte Stadt ist in einer Fotodatenbank erfasst und ich bekomme regelmäßig reichlich Vorschläge für neue Motive. Sogar Vorschläge für Macro-Aufnahmen der Blumen am städtischen Springbrunnen sind dabei. Zwischendurch wird aber noch ein Sicherheits-Update eingespielt und mir von den vom Hersteller aufgespielten Apps mehrere Updates angeboten, die im Laufe des Tages im App-Store wohl in neuen Versionen bereit gestellt wurden. Vielleicht sollte ich mal die ein oder andere App doch löschen; von den werkseitig aufgespielten über 80 Apps brauche ich bestimmt fünf oder sechs gar nicht.

Abends sitzen wir gemütlich beim Bier und diskutieren natürlich über unserer Thema, die Fotografie. Leider kann ich die beiden nicht davon überzeugen, dass es im Laufe der letzten Jahre doch viel einfacher geworden ist. Es beeindruckt sie auch gar nicht zu erfahren, dass, noch bevor die Kellnerin uns die zweite Runde Getränke bringt, alle meine Fotos schon automatisch von meiner Kamera bei Facebook und Flickr und dem neuen BlipBlob-Dienst veröffentlicht wurden und die Kamera zusätzlich alle meine Fotos in einer Cloud gesichert hat.

Ende gut, alles gut?

Zuhause angekommen, kurz bevor der Akku ganz zur Neige geht,  informiert mich meine Kamera darüber, dass mir der Kamerahersteller Panolysamson dank meiner Internet-Registrierung eine wichtige Mail gesendet hätte. Da ich aber den e-Mail und Twitter-Empfang (wohlweislich) in meiner Kamera ausgeschaltet hatte, sollte ich die Mails mit einem anderen Gerät lesen. Gedankenverloren öffne ich meine Mail-App auf dem iPad 8 und lese diese wichtige Mitteilung:

„Lieber Kunde,

bedauerlicherweise müssen wir Ihnen mitteilen, dass eine russische Hackervereinigung vor wenigen Tagen unseren App-Store geknackt hat und, ohne unser Wissen, sämtliche Kamera-Basisbetriebssystemversionen und zusätzliche Apps durch fremde Varianten ersetzt hat. Diese gefälschte Software wurde Ihnen heute morgen per automatischem Update aufgespielt. Wir möchten uns für dieses Missgeschick entschuldigen.

Soweit wir feststellen konnten, ist kein großer Schaden entstanden und auch Ihre Kreditkartendaten wurden nicht entwendet. Lediglich die von Ihnen aufgenommenen Fotos wurden an einen fremden Server gesendet und die Weiterleitung Ihrer Fotos an andere soziale Netzwerke wie BlipBlob, Facebook und Flickr hat nicht in der erwarteten Form stattgefunden. Stattdessen wurde gefälschte „Nacktfotos“ des amtierenden russischen Präsidenten V. P. in allen sozialen Netzwerken unter Ihrem Namen verbreitet. Wir haben vorsorglich mit den betroffenen Netzwerk-Anbietern Kontakt aufgenommen, um eine Sperrung Ihres Accounts zurücknehmen zu lassen.“

Da Ihre Kamera im Augenblick nicht mehr mit unserem App-Store Verbindung aufnehmen kann, würden wir Sie bitten, Ihr Produkt an uns zu senden, damit wir ein Software-Update aufspielen können.“

Schöne neue Welt!

Schöne neue Welt

Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass es so kommen könnte, wie es oben beschrieben wird. Die technischen Möglichkeiten liegen längst auf dem Tisch, die Hersteller müssten sie nur nutzen. Letztendlich bleibt die Frage, ob wir das wirklich wollen.

Als ich vor wenigen Tagen hörte, dass Nikon wahrscheinlich schon zur photokina 2012 im September in Köln die erste Kamera mit Android-Betriebssystem anbieten will und auch Sony dabei ist, die neuen NEX-Kameras APP-fähig zu machen, da wurde mir ganz anders. Ich gebe zu, ich bin eher konservativ hinsichtlich des Themas „neue Technologien“; und das, obwohl ich mich als Informatiker und Apple-Fan fast täglich mit neuen IT-Produkten auseinander setzen muss.

Ein guter Freund von mir, mit dem ich mich die Tage unterhielt, erzählte mir, dass das Unternehmen, bei dem er seit geraumer Zeit beschäftigt ist, seine Produkte nun auch in der Android-Welt anbieten will. Was grundsätzlich als Wachstumsidee zunächst einmal ganz gut klingt, das stellt sich aber in der Praxis heute schon fast als Quasi-Katastrophe dar: Es gibt mittlerweile so viele Geräte am Markt, die Android nutzen, dass Soft- und Hardwarehersteller überhaupt keine sinnvollen Kompatibilitätsangaben mehr machen können. Letztendlich hat man sich darauf beschränkt, 6 Geräte zu testen und zu benennen, die kompatibel sind. Mehr geht nicht, sagt mein Freund, denn am Tag erscheinen allein in China 20 neue Modelle am Markt, alle mit irgendeiner Android-Version, und alle irgendwie kompatibel. Oder auch nicht.

Nachdem schon vor einigen Monaten zu lesen war, dass diverse proprietäre Android-AppStores einiger Anbieter virenverseuchte Programme und Betriebssystem-Updates angeboten hatten, möchte ich auf keinen Fall solche Betriebssysteme und Apps in meiner Kamera haben. Die soll bitte einfach nur funktionieren. Ich will auch kein SnapSeed oder Photoshop Light in meiner Kamera haben oder mir um Anti-Viren-Software in meiner Kamera Gedanken machen müssen. Schon auf meinem iPad empfinde ich das als nette und schöne Spielerei, mehr aber auch nicht. Damit ernsthaft arbeiten zu wollen – das ist eine Zumutung und gerade mal für das eine oder andere Urlaubsbildchen ganz nett.

Heute Icons, morgen Android, übermorgen?

Es gibt ja auch schon heute gehackte Firmware-Versionen für diverse Kameras. Was in den USA mittlerweile seit einigen Jahren illegal ist, wird gerne in Asien und Russland noch praktiziert: Ein Re-Engineering der Software und eine entsprechende Manipulation bzw. „Optimierung“. Im Prinzip sollte aber jeder wissen, worauf er sich einlässt, wenn er die Firmware irgendeines fremden (Hobby-)Programmierers auf seine Kamera lädt: im Zweifelsfall erlischt die Garantie, wenn ein übertakteter Kameraprozessor die Grätsche macht.

In Zeiten von offenen Betriebssystemen mag ich mir aber gar nicht vorstellen, was alles möglich ist und was passieren kann oder passieren wird. Ich würde mir auch nie einen Kühlschrank kaufen wollen, der automatisch Lebensmittel nachbestellt, wenn ich sie dem Kühlschrank entnehme. Woher weiß der dämliche Rechenknecht denn überhaupt, was ich morgen essen will? Oder bin ich nun den Diätempfehlungen meines Kühlschrankherstellers ausgeliefert?

Im Prinzip habe ich in einer gewissen Form Angst vor dieser neuen Technologie und deren Möglichkeiten. Möglichkeiten sind nur gut, wenn ich sie auch abwählen kann. Aber meistens geht das nicht und viele Funktionen sind so tief integriert, dass ein Abschalten einzelner Optionen das restliche Arbeiten mit dem Gerät zur Qual macht. Nicht, weil ich grundsätzlich technologiefeindlich bin, denn dann würde ich mich nicht seit 30 Jahren mit wachsender Begeisterung ziemlich intensiv mit IT-Technik auseinandersetzen. Ich habe Angst davor, dass zu vielen Menschen das Denken abgenommen wird. Ja genau, das Denken.

Und so sehe ich auch die Entwicklungen im Kamerabereich mehr als skeptisch. Verspielte Oberflächen mit Icons haben wir teilweise schon heute bei dem einen oder anderen Hersteller und niemand, der sich ein wenig mehr mit der Fotografie auseinandersetzt, scheint wirklich glücklich darüber zu sein. Dass, was sich der Hersteller als Vereinfachung ausdenkt, ist für viele Hobbyfotografen eine Einschränkung in der Bedienung und eine Behinderung. Da ist schon ein gehöriges Stück Freiheit verloren gegangen.

Und jetzt auch noch quelloffene Betriebssysteme und Apps in Kameras! Ich denke, das, was einige heute vielleicht als grandiose Erweiterung der Möglichkeiten wahrnehmen, wird uns schon übermorgen einschränken, uns gedankenfaul und bequem machen, und letztendlich uns in unserer Kreativtität und unseren menschlichen Fähigkeiten einschränken. Und zu Werbeeinblendungen bei kostenlosen Apps während des Fotografierens ist es auch nur ein kleiner Schritt. Das wird kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche.

Der vermeintliche Freiheitsgewinn in den Möglichkeiten wird langfristig für alle, die nur ein wenig beim Fotografieren ihren Kopf anstrengen wollen, eine große Einschränkung ihrer Freiheit bedeuten.

Was brauchen wir mehr als Zeit und Blende, um gute Fotos zu machen? Was wollen wir und was bringt uns wirklich weiter? Diese Fragen sollten wir uns alle immer wieder stellen und sollten uns das auch regelmäßig beim Fotografieren mit den schönen Apps in den zukünftigen Kameras fragen. Wenn irgend jemand zukünftig sich bemüßigt sieht, unsere Fotos zu betrachten, sind wir dann stolz auf unsere Fotos – oder auf die Apps, aus denen sie hervorgegangen sind?

Solange es Firmen wie Leica mit dem [aff id=“leicam9″] – System oder – seit einiger Zeit – Fujifilm mit dem [aff id=“fujixpro1″] – System gibt, besteht noch Hoffnung, dass es auch zukünftig echte fotografische Werkzeuge geben wird und nicht nur noch Multiknipsautomaten, die zunehmend zu eierlegenden Wollmilchsäuen migriert werden. Und solange wir Hobbyfotografen mit echten fotografischen Werkzeugen umgehen können, sind wir frei. Möge es lange noch so bleiben, damit wir in Zukunft die photokina 2012 nicht als Anfang vom Ende der freien Fotografie im Kalender vermerken müssen.

Danke für´s Lesen und Zuhören.

 

Das Fuji X-Pro1-System:

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1 Comment

  1. Der erste Schritt ist getan. Samsung stellt eine Kamera mit Android-Betriebssystem vor.

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