Close

photokina 2012 LogoOk, ich gebe zu, dass die letzte photokina schon so lange her ist, dass mancher vergessen haben mag, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Ich brauchte aber geschlagene 2 Monate, um dass, was ich dort gesehen habe, überhaupt zu verarbeiten.

Morgens beim Kaffee

Ich bin heute immer noch ein wenig benommen und wenn ich morgens meinen Kaffee trinke, und eine Fotozeitschrift auf dem Frühstückstisch liegen sehe, fangen meine Hände zu zittern an. Es ist schon besser geworden und ich kann den Anblick von langbrennweitigen DSLR-Optiken wieder ein wenig ertragen, sofern es sich nur um Produktabbildungen der Hersteller handelt. Begegnungen in der Realität versuche ich nach Möglichkeit aber noch zu vermeiden. Das ist gesünder für mich und mein Gegenüber.

Den aktuellen Trends des Fotomarkts folgend, wollte ich mich auf der photokina über die aktuellen Neuerungen bei den von uns behandelten Fotoherstellern informieren und Andreas und ich hatten auch einen reichlich gefüllten Terminkalender. Neben „Wireless Connectivity“ und „Android-basierten-Kameras“ freute ich mich über die vielen neuen Produkte aus dem Systemkamera-Umfeld, insbesondere neue Festbrennweiten und kleine schnucklige Kameras. Ob die neue Lumix GH3 noch als klein oder schnucklig zu bezeichnen ist, sei mal dahingestellt, aber eine [jmsaff id=“fujixe1″] oder eine [jmsaff id=“fujixpro1″] fallen mit Sicherheit in diese Kategorie. Gerade auch der Ausbau der Kamerasysteme mit lichtstarken Festbrennweiten gefällt mir und wenn ich das richtig mitbekomme, den Mitgliedern in unserem Systemkamera-Forum auch.

Die photokina verkommt in meinen Augen immer mehr zum Tempel der lichtbildnerischen Elektronikware. Die Leica-Präsentation war noch eine angenehme Ausnahme, bei der neben den neuen Produkten erstklassige Fotos groß und gut präsentiert wurden, und Fujifilm war  einer der wenigen Hersteller, die dem Foto als Ergebnis des lichtbildnerisches Aktes eine entsprechende Aufmerksamkeit widmeten. Ansonten ging es um Technik, Technik und Technik.

Glaubte ich vor der letzten photokina noch, der typische Leica-Käufer würde nicht zu einem geringen Teil die erworbenen Produkte zur Befüllung der heimischen Technikvitrine benutzen, um die erworbenen Technikstücke nur Sonntags aus derselben zu holen, sie vom Staub befreien und einmal kurz zu bespielen, bin ich mit seit dem letzten Wochenende ziemlich sicher, dass ich diese Kundenklientel bisher total falsch eingeschätzt habe. Denn am letzten Wochenende war ich in Wetzlar auf einer Leica-Veranstaltung mit ca. 1.000 Besuchern und durfte an jeder Ecke feststellen, dass die Besucher zu einem nicht unerheblichen Teil nach den Vorträgen ihre Fotomappen herausholten und sich gegenseitig Fotos zeigten.

Schon bei den Vorträgen ging es nicht um die Technik, sondern um das Bild an sich. Wow! So soll es sein.

Länger ist besser

Doch kommen wir zurück zu photokina: Dort gibt es mittlerweile eine andere Benutzergruppe, die die photokina mit Ihrer Anwesenheit und Präsens geradezu verstopfte. Der gemeine DSLRs-Telezoom-Träger. 300 und 400 Millimeter-Festbrennweiten sozusagen als Schmuck. Es gibt rechts- und links-Träger. Je länger, je größer und je schwerer, umso besser. Natürlich gab es diese Menschen immer. Nur die Häufigkeit, mit der Besucher einer Technikmesse sich die Klopper um den Hals hängen, war schon echt beängstigend.

In einer Mittagspause hatte ich einfach mal mitgezählt, wie viele vorbeiziehende Besucher sich mit diesen Rohren geschmückt hatten: Ich kam in einem Zeitraum  von vielleicht 10 Minuten zu der Erkenntnis, dass jeder 2. männliche Besucher mit so einem Ofenrohr durch die Gegend wackelte. Nachdem sich diese Objektive nun denkbar schlecht dazu eignen, die ausgestellten Produkte zu fotografieren, zumal die Messestände ja auch reichlich von Besuchern belagert wurden, und sich Messestände in der Gesamtheit auch eher mit einer Weitwinkelbrennweite fotografieren lassen, komme ich zu dem eindeutigen Schluss, dass der gemeine photokina Besucher diese Objektive wohl eher als Schmuck mitgenommen hatte. Die ganz verwegenen schleppten auch gleich zwei Riesentüten mit sich rum, gehalten von einer Hosenträger-artigen Verspannung, die den Oberkörper einschnürte. Chapeau! Was für Helden.

Wahrend vor ein paar Jahren noch Tante Helga sonntäglich den neuesten Schmuck in die Kirche ausführte, haben die Herren der Schöpfung halt Ihre eigenen Schmuckvarianten, die sie zum 2-jährlichen Treffen in die heiligen Hallen nach Köln bringen und dort den beneidenswerten Blicken der Besitzlosen zur Verfügung stellen. Als Besitzer eines 70-200mm Zoom-Objektivs, womöglich sogar nur mit Lichstärke f4.0 wird man auf solchen Veranstaltungen ja auch nicht mehr wirklich ernst genommen. Ein 70-200 ist aller unterste Einsteigerklasse, erst recht, wenn das Objektiv vielleicht noch nicht mal weiß ist und sich dann auch kaum auf dunkler Kleidung abhebt. Nein, nein, so geht das nicht, da muss zur nächsten photokina aber schwer nachinvestiert werden. Schließlich fährt man ja auch mit einem Audi Q7 2 Kilometer zum nächsten Aldi, um eine Tüte Milch zu kaufen. In Deutschland macht man das halt so. Man zeigt, was man hat.

Folgte man der Presse rund um die photokina, waren die Systemkameras einer der großen Trends. Wir erzählen das zwar schon seit ein paar Jahren, aber mittlerweile ist das in der Presse ja auch als Hauptthema angekommen. Im Gegensatz zu Asien dauert es hier in Europa allerdings ein wenig länger, bis es sich herumgesprochen hat, dass man mit den kleinen spiegellosen Systemkameras genauso gut fotografieren kann. In Deutschland dauert es sogar noch länger. In einem Land, in dem Mutti mindestens mit einem SUV als Zweitwagen einkaufen fährt, wird es auch noch lange dauern, bis sich die Herren der Schöpfung einmal Gedanken dazu machen, warum ihre Fotos trotz größerem und schwererem Equipment einfach nicht besser werden wollen.

Sonderlich abscheulich bis lustige Dinge gab es auch bei den aufgebauten Fotosujets bei den einzelnen Herstellern zu sehen: Lockte z.B. bei Panasonic ein aufgebauter Billard-Tisch mit extrem langbeiniger und hübscher Queue-Bedienung, waren vom Dschungel-Sujet bis hin zu nicht definierbaren halbnackten Hüpfern an einem Messestand so ziemlich alles dabei, was Kunden optisch locken könnte. Entsprechende Szenen ereigneten sich auch an den Absperrungen. Einige ältere Herren verloren fast regelmäßig das Gleichgewicht, beim „über die Absperrung lehnen“ und teilweise wusste ich nicht, ob der sich ankündigende Sabber dem Alter der Besucher oder der optischen Darbietung geschuldet war. In diesem Fall meine ehrliche Empfehlung: Für das gleiche Eintrittsgeld bietet die nächste Venus-Messe das wertvollere Umfeld für entsprechende Fotos ;-).

Meine Freunde mit den langen Tüten hatten bei den aufgebauten Fotosujets natürlich auch keine Chance. Diese waren oftmals so belagert, dass der nötige Abstand zum Fotografieren aufgrund der Besuchermassen, die die Sicht auf das Objekt der Begierde nahmen, jede Chance auf ein vernüfntiges Foto nahmen. Naja, ist ja auch nur Schmuck, so ein langes, schweres, schönes Objektiv.

Prinzip Hoffnung

Wie auch immer: Wir sind in der Fotoszene schon einen ganz Schritt weiter, wenn wir die Anzahl der sinnlos herumgeschleppten langen Tüten bis zur nächsten photokina vielleicht halbieren könnten. Denn dann ist entweder die Erkenntnis in den Köpfen der Leute gewachsen, dass Objektive sich nur bedingt als Sch****verlängerung einsetzen lassen, bzw. dass auf  Technikmessen es eigentlich für solche Brennweiten nicht viel zu fotografieren gibt.

Dann könnte auch auf die unsägliche und sich regelmäßig wiederholende Greifvogelschau als Alibi-Veranstaltung der Langtütenträger auf der photokina verzichtet werden und die Leute hätte die Hand frei, um eine Mappe mit Fotos zu tragen. Fotos, die uns sicherlich alle interessieren würden. Und ich schaffe es vielleicht im richtigen Leben wieder einem Menschen gegenüber zu treten, der mehr als 100 Millimeter Brennweite am Hals hängen hat, ohne bescheuert grinsen zu müssen.

In diesem Sinne,

allzeit gut Licht.

Quelle Fotos: Wikipedia – Canon mit Objektiv (Jan Kuchenbecker)

Leichter unterwegs:

About The Author

Jens Michael Schuh lebt in Bochum und ist selbständiger Informatiker und Inhaber von TryTec! Microsystems, einem Apple-Systemhaus. Er betreibt zusammen mit Andreas Jürgensen das Systemkamera-Forum und das Fuji X Forum.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>